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Herbert Eberhart / Paolo J. Knill

Lösungskunst

Lehrbuch der kunst- und
ressourcenorientierten Arbeit

Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2009

Kunst bringt "Leben" ins Beratungszimmer

Kunst in der Tradition der "Expressive Arts" (z.B. Knill) legt das Augenmerk auf die körperliche Aktivität und die sinnliche Erfahrung. Wird der Leitsatz "low skill - high sensitivity" ernst genommen, ist sie allen Menschen zugänglich, die ein Beratungszimmer aufsuchen. Auch ein mit ganz einfachen Mitteln entstandenes künstlerisches Werk strahlt so etwas wie "Schönheit" aus. Das bereichert die Beratungssituation, berührt und konfrontiert.

Intermodales Dezentrieren IDEC® arbeitet in beraterischen und therapeutischen Situationen mit künstlerischen Episoden, die in einer bestimmten, nicht-interpretativen Art für den Beratungsprozess genutzt werden. Schon seit vielen Jahren fällt Praktikerinnen und Praktikern beim Nutzen dieses methodischen Ansatzes auf, dass das künstlerische Tun eine belebende Wirkung ausübt.

"Die Art der Präsenz von Berater und Klient in der Dezentrierung zeigt sich anders als im Gespräch. Dies vor allem, weil sie handlungsorientiert ist und damit auch den Körper einbezieht. Die wache Neugier und die engagierte Entdeckungslust äussern sich hier im Handeln als Eifer und Ehrgeiz. Beides sind Antriebsmomente einer Schaffenskraft, die sich ganz ins Tun vertieft." (S.172*)

Es sind zwei Aspekte, die aufgrund unserer Beobachtungen beim künstlerischen Tun besonders belebend wirken: Überraschung und Schönheit.

Überraschung ist ein in der Beratungs- und Therapieliteratur erstaunlich wenig beachtetes Phänomen. Überraschungen, insbesondere positive Überraschungen, als erwartungswidrige Ereignisse sind im besondern Mass in der Lage, das Klientensystem nachhaltig zu verstören. Das ist auch ausserhalb des Dezentrierungsablaufs möglich.

Beispiel: Die an sich erfolgreiche, aber durch verschiedene Ereignisse stark verunsicherte A. wird aufgefordert, durch alles, was sie im Beratungsraum finden kann, ohne Worte sichtbar zu machen, was beigetragen hat, dass sie so ist, wie sie ist und woran sie gerne zurück denkt. A. gerät bei ihrem Tun allmählich ins Feuer und es entsteht auf dem Fussboden ein grosser Halbkreis bunt-gemischter Gegenstände. A. ist völlig überrascht und beeindruckt von der Vielfalt.

Schönheit zeigt sich im Zusammenspiel von Formen, Farben, Klängen, Rhythmen, Gesten, Bewegungen u.a.m. Erscheint sie im Zusammenhang mit künstlerischem Tun, ist sie mit sinnlicher Befriedigung verbunden. Sie liegt im Auge des Betrachters. Man kann sie anstreben, doch ist sie nicht machbar. Sie ergreift, bewegt und konfrontiert in einer ganz besonderen Weise. Sie tut dies besonders wirkungsvoll, wenn jemand in einer einseitigen Sicht gefangen ist.

Beispiel: Der Freizeitmusiker S. erhält für die lange Sommerpause die Aufgabe drei Musikpassagen zu finden, die etwas von dem zum Ausdruck bringen, was er sich für seine nächste Lebensphase wünscht. Während er daran arbeitet, erledigt er "nebenbei" eine Reihe der anstehenden Probleme.

* Zitat aus: Herbert Eberhart & Paolo J. Knill. Lösungskunst. Lehrbuch der kunst- und ressourcenorientierten Arbeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009